2. Oktober 2016

Ungenügende Sexualaufklärung

Bis die Vergewaltigung geschah, war schulische Aufklärung in Rhäzüns kein Thema. Das war Elternsache. Punkt. Doch dann packten zwei Knaben im Alter von 10 und 14 Jahren ein fünfjähriges Mädchen und vergingen sich nacheinander an ihm. Ausgerechnet hier musste es passieren. Nicht etwa in einer städtischen Agglomeration, sondern in einem beschaulichen Dorf im Bündner Rheintal. Das hat vor zehn Jahren mediale Wellen bis ins Ausland geworfen. Auf einen Schlag hat sich die Sexualisierung der Kinder ins Bewusstsein vieler Erwachsenen gebohrt.
Die Schule tut sich schwer mit dem Thema Sexualität, Bild: Andreas Gefe und Julia Ambroschütz
Was hat Sex mit Schule zu tun? NZZaS, 2.10. von René Donzé
«Der Fall Rhäzüns hat gezeigt, was passieren kann, wenn Sexualität gegenüber Kindern totgeschwiegen wird», sagt Susanna Siegrist, Sexualpädagogin und Leiterin der Fachstelle Adebar in Chur. «Sie können nicht mit dem umgehen, was sie im Internet sehen, was sie von älteren Kollegen hören. Das kann zu einem problematischen Sexualverhalten führen.» Heute habe die Mehrheit der elfjährigen Buben schon pornografische Bilder und Filme gesehen, weiss sie aus ihrer Arbeit an den Schulen. Eine Erhebung der Zürcher Fachstelle «Lust und Frust» ergab, dass 94 Prozent der 13-jährigen Buben und 50 Prozent der gleichaltrigen Mädchen schon Pornos konsumiert haben. «Viele von ihnen haben aber noch nie ein Mädchen an der Hand gehalten», beschreibt Sexualpädagoge Thomas Bächler, freier Mitarbeiter für Bubenarbeit bei Adebar, das Spannungsfeld, in dem sich viele Schüler befinden. Oder pointierter ausgedrückt: «Die Jungs kennen den Tittenfick, wissen aber nicht das Geringste über Verhütung.» Wir sitzen im Restaurant Grond in Sils-Maria und essen Capuns. Die Sonne scheint, doch es ist kühl, und Wolken über Maloja kündigen Regen an. Siegrist, Bächler und Ruth Niederreiter sind ins Engadin gereist, um Schülerinnen und Schüler aufzuklären.

Pimpel, Zipfeli und Pistulino
Rhäzüns hat im Kanton Graubünden zum Umdenken geführt. Die Gemeinde beschloss, mit der Sexualpädagogik schon auf Stufe Kindergarten und Primarschule anzusetzen. Die Fachstelle Adebar – von Landeskirchen, Frauenzentrale und Kanton vor 41 Jahren zum Zweck der Familien- und Sexualberatung sowie der Aufklärung gegründet – erarbeitete eigens dafür ein Konzept. Zuvor war sie nur vereinzelt auf der Oberstufe, in Gymnasien und Berufsschulen tätig. «Es braucht leider oft eine Notlage, bis man uns einschaltet», sagt Siegrist. Etwa, weil Knaben auf dem Pausenplatz Mädchen massiv sexuell belästigen, im Schulzimmer onanieren oder weil die Sexualisierung der Schülersprache die Lehrer alarmiert. Adebar macht aber keine Feuerwehrübungen, sondern setzt auf längerfristiges Engagement: In der Regel werden die Kinder im Kindergarten, in der dritten und der sechsten Klasse besucht. Mittlerweile sind es über hundert Klassen im ganzen Kanton.
Die sechsjährige Anna* kniet im Silser Kindergarten am Boden und denkt nach. Vor sich zwei Blatt Papier, auf denen die Umrisse eines Mädchenkörpers zu sehen sind – einmal von vorne, einmal von hinten. Sie soll grüne Punkte überall dorthin kleben, wo sie gerne berührt wird. Die roten Punkte dort, wo fremde Hände nichts zu suchen haben. Wie ist das nun mit dem Po? Sie entscheidet sich für den grünen Punkt. «Hast du das wirklich gern?», fragt Ruth Niederreiter. Anna schüttelt den Kopf und wechselt auf den roten Punkt. Dieselbe Farbe kommt auf die Vagina, während Arme und Gesicht einen grünen Punkt erhalten.
Vieles dreht sich an diesem Morgen um Selbstbestimmung und Abgrenzung. Begeistert singen die Kleinen zum Lied ab CD: «Küsschen hier und Küsschen da, das ist manchmal wunderbar. Doch wenn ich nicht will, dann sag ich: Nein!» Bei «Nein!» stampfen alle fest auf den Boden. Sichtbar Spass macht auch das Körper-König-Spiel, bei dem ein Kind mit einer Krone auf dem Stuhl sitzen und «Stopp!» rufen darf, wenn ihm ein anderes zu nahe kommt. «Aufklärung in diesem Alter ist vor allem Prävention vor Übergriffen», sagt Niederreiter. «Die Kinder sollen erfahren, dass sie selber über ihren Körper bestimmen und nicht alles in Ordnung ist, was die Erwachsenen mit ihnen machen wollen.» Denn: Auch wenn der Rhäzünser Fall spektakulär war, die meisten Übergriffe geschehen im familiären Umfeld.
Die gelernte Hebamme und Sexualpädagogin zeigt den Kindern aber auch anhand einer Puppe und eines Beutels wie ein Kindlein geboren wird. Ebenfalls zur Sprache kommen die Geschlechtsteile: «Schlitzli, Pipi, Pimpel, Zipfeli» sagen die Kinder zu ihnen. «Pistulino» ruft ein Bub mit portugiesischen Eltern. Niederreiter: «Ich verrate euch jetzt, welche Begriffe wir dafür im Kindergarten verwenden: Vagina und Penis.»

Wie die Adebar-Fachleute in Graubünden gehen heute im ganzen Land Sexualpädagogen in die Schulen. Die Dachorganisation «Sexuelle Gesundheit Schweiz» zählt über hundert Beratungsstellen zu ihren Mitgliedern, die sich mit Aufklärung, Aids, Familienplanung und so weiter beschäftigen. Viele haben auch ein Angebot für Schulen – vor allem in der Romandie, wo Aufklärungslektionen mit externen Fachleuten Pflicht sind. In der Deutschschweiz hingegen entscheidet jede Schule für sich, ob sie auf externe Dienste zurückgreifen will oder ob sie den sexualkundlichen Unterricht den Lehrerinnen überlassen will. Im Kanton Zürich haben einzelne Schulhäuser dafür ausgereifte Konzepte, andere greifen das Thema gar nicht auf.

«Die Sexualerziehung ist in der Schweiz in vielen Kantonen inhaltlich wie organisatorisch zu wenig deutlich beschrieben und wird zum Teil ungenügend umgesetzt», schreibt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen in ihrem Bericht von 2009. «Eine systematische Verankerung der Sexualerziehung in den Lehrplänen fehlt.» Zudem würden die Lehrer in der Ausbildung selten spezifisch auf diese Aufgaben vorbereitet, «obwohl sie im Schulalltag immer wieder mit der Thematik Sexualität konfrontiert werden». Nur gerade ein Drittel der Schweizer Primarschüler erhält Sexualerziehung, auf der Sekundarstufe ist es mittlerweile die Mehrheit, wie eine Situationsanalyse der Pädagogischen Hochschule Luzern 2007 ergab.

Die Schule tut sich noch immer schwer mit ihrer Suche nach dem richtigen Weg, wie sie im Bereich der Sexualität ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag wahrnehmen kann, ohne zu sehr in die Erziehungshoheit der Eltern einzugreifen. Auf diesem Gebiet geht es oft mehr um Weltanschauungen und Moralvorstellungen als um die Frage, welches Wissen die Schüler wann vermittelt erhalten sollen.

Kampf gegen Sittenverderbnis
Das war schon vor 50 Jahren so, als Dorothea Meili im zürcherischen Schleinikon ihre ersten Aufklärungslektionen für Primarschüler durchführte. «Zu jener Zeit mussten die Kinder ihre Sexualität zusammen mit der Windjacke in die Garderobe hängen. Im Schulzimmer war sie nicht willkommen», sagt Meili. Aufklärung im Unterricht war verboten. «Begonnen hat alles mit einem Märchen», erzählt die aktive Rentnerin, die noch immer Vorträge hält. «Ein Mädchen wollte von mir wissen, warum die Mutter vom Schneewittchen tot ist.» Meili erzählte, dass früher viele Frauen bei der Geburt gestorben seien. Die Kinder fragten weiter: Wie kam das Baby in die Mutter? Wo kam es heraus? Und so begann sie, ihren Schülern die biologischen Zusammenhänge der Fortpflanzung zu erklären. Die Schulpflege habe beide Augen zugedrückt. Schliesslich war die Junglehrerin im Dorf geschätzt, half in den Ferien sogar bei der Heuet mit.

Meili war eine Pionierin. Sie wurde vom damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen in eine Arbeitsgruppe gerufen, die das Fach «Biblische Geschichte und Sittenlehre» in «Biblische Geschichte und Lebenskunde» umgestaltete. Und unter Lebenskunde fiel neu auch die Sexualität. Erste Handreichungen für Lehrer wurden geschaffen und in den Schulen erprobt – begleitet von heftigen Widerständen. «Die Sexologen greifen nach unseren Kindern», warnte der «Verein besorgter Eltern» von Niklaus Oertly. Mit seiner Kampfschrift «Aufblick» kämpfte der Verein gegen Sittenverderbnis, Lüsternheit und Gottlosigkeit. In einem Porträt, das das Schweizer Fernsehen über ihn drehte, sprach Oertly von Homosexualität als Sünde, vor der man sich durch Hinwendung zu Jesus Christus befreien könne. Der Platz der Mütter sei zu Hause bei den Kindern. Wenn sich eine Frau beruflich entfalten wolle, solle sie ledig bleiben.

Das widersprach diametral dem Weltbild von Meili, das von der Gleichberechtigung der Geschlechter und der sexuellen Neigungen geprägt war. «Wenn ich Vorträge vor Lehrern oder Eltern hielt, versuchten die Kritiker uns mit Flugblättern und Wortmeldungen zu stören», erinnert sich Meili. Auch bei Diskussionssendungen in Radio und Fernsehen prallten die beiden Welten aufeinander.

Meili wurde später Dozentin für Didaktik der Lebenskunde, und damit auch der Sexualpädagogik, am Zürcher Oberseminar. Der «Verein besorgter Eltern» ging in den achtziger Jahren, nach dem frühen Tod Oertlys, im Verein «Jugend und Familie» auf. Die Fronten blieben über die Jahrzehnte die gleichen: auf der einen Seite Pädagogen, die Kinder und Jugendliche aufklären wollten, auf der anderen evangelikale, konservative und rechtsbürgerliche Kreise. Der Verein «Jugend und Familie» stand auch hinter der Initiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule». Sexualkunde in der Schule sollte bis zum neunten Lebensjahr der Kinder verboten sein und danach bis zum zwölften Lebensjahr freiwillig stattfinden. Ihr Sinnbild des Verderbens war die «Sexbox» mit Plüsch-Vagina und Holzpenis, die in Basel im Unterricht eingesetzt wurde. Die Initiative wurde 2015 zurückgezogen. Erreicht haben die Initianten, dass das Kompetenzzentrum für Sexualpädagogik in Luzern schliessen musste, weil sich das Bundesamt für Gesundheit aus der Finanzierung zurückzog. Und die Erziehungsdirektoren mussten versprechen, dass auch mit dem neuen Lehrplan 21 keine Sexualerziehung im Kindergarten stattfindet: «Sexualkundeunterricht beginnt in der Regel gegen Ende der Primarschulzeit und wird auf der Sekundarstufe fortgeführt», schrieben sie 2011 in einer Medienmitteilung.

Wie die Mädchen die Buben sehen
In Sils Maria hat Susanna Siegrist keine Holzpenisse dabei, wenn sie die Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse besucht. Dafür coole Plastic-Enten: Alle Kinder dürfen sich eine auswählen und ihr auf einem Zettel einen geheimen Wunsch anvertrauen. Dann befassen sie sich mit dem jeweils anderen Geschlecht: Die Buben sollen auf einem Plakat aufschreiben, wie Mädchen sind und was sie haben. Und umgekehrt. Nach einer Viertelstunde werden die Resultate präsentiert. Die Mädchen finden Knaben «schön, mutig, gaga, lustig, doof, intelligent, laut, muskulös». Sie haben dunkle Kleider, Popo, Penis, Sixpack und kurze Haare. Die Knaben bezeichnen Mädchen als «Tussis, zum Teil nett, ruhiger, kitzliger». Sie haben längere Haare, Brüste und eine Vagina.

Siegrist bespricht mit den Kindern anhand von Zeichnungen die Entwicklung vom Buben zum Mann und vom Mädchen zur Frau. Gespannt hören sie zu. «Warum werden die Hüften und der Po des Mädchens breiter in der Pubertät?», fragt die Sexualpädagogin. Sandra: «Weil die Frau Kraft braucht, um das Baby zu tragen.» Thomas: «Damit sie besser aussieht.» Gelächter. «Wie heisst es, wenn das Blut bei der Scheide rauskommt?» Rosanna: «Periode oder Tage.» «Und wozu ist das gut?» Betretenes Schweigen. Siegrist: «Der Körper bereitet sich darauf vor, dass er später Kinder kriegen kann.» Sandra: «Wann bekommt man das?» Siegrist erklärt, dass dies zwischen 9 und 16 der Fall sein kann. Später an diesem Morgen geht es um die Zeugung und die Geburt und darum, dass beim Geschlechtsverkehr rund 200 Millionen Samen zur Eizelle gelangen wollen. «Der Schnellste schafft es. Ihr seid also alle aus dem Gewinnersamen eures Papas entstanden.» Sandra stolz: «Also dann konnte mein Samen sehr schnell schwimmen und gut Fussball spielen.»
Die zwei Doppellektionen vergehen wie im Flug. In der ersten Hälfte geht es um Sexualaufklärung, in der zweiten um Prävention. Die Kinder erhalten eine Broschüre mit dem Titel: «Trau dich! Du bist stark!» Darin geht es um gute und schlechte Geheimnisse, um das Recht, «Nein» zu sagen, um Situationen, die unangenehm sind. Mit Leidenschaft spielen die Kinder eine Szene nach: Ein Mann setzt sich im Bus ganz eng neben ein Mädchen und sagt: «Ich glaube, ich kenne deine Mutter, sie ist genauso hübsch wie du . . .» Das Mädchen steht auf und bittet eine Frau um Hilfe, diese wiederum wendet sich an den Fahrer, der den Bus stoppt und den Mann rauswirft: «Bei uns werden keine Mädchen belästigt.»

Von Liebe keine Rede
Ein wichtiger Aspekt der Sexualpädagogik ist heute die Prävention. Die Kinder sollen lernen, sich vor Übergriffen zu schützen, sie sollen nicht ahnungslos der sexualisierten Welt ausgesetzt sein, der sie immer früher begegnen. Sie brauchen Einordnungshilfen: Was hat Porno mit der Realität, was hat Sex mit Liebe zu tun? Und sie brauchen natürlich korrektes biologisches Wissen. Vor allem auf der Sekundarstufe geht es zudem um den Umgang mit den neuen Medien: Was ist legal, und was ist illegal? Welche Bilder soll ich aufnehmen, posten, weiterverbreiten?

Diese Sachlichkeit ist weit entfernt von der Wucht, mit der die erste Aufklärungswelle in den 1970er Jahren aus Deutschland in die Schweiz gekommen war. Freie Liebe, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung der Frau, Homosexualität waren die Schlagworte, die sich mit der 68er Bewegung verbreiteten – befeuert von der Entwicklung der Verhütungspille. Damals zeigten die Lehrbücher Fotografien, die nach heutigen Massstäben als Kinderpornografie gelten: etwa nackte Mädchen und Buben, die gegenseitig ihre Körper erkunden. «Die Autoren wollten mit der Sexualerziehung die Welt verändern», sagt Dorothea Meili. Es ging um die Auflösung gesellschaftlicher Muster. Das schürte Abwehrreflexe, nicht nur in fundamentalen Kreisen.

Erst mit dem Aufkommen von Aids setzte sich vor gut 25 Jahren die Erkenntnis durch, dass Aufklärung mehr nützt als schadet. In der Oberstufe vieler Kantone wurde HIV/Aids-Prävention obligatorisch. So wurde in der Schule Sex zum Thema. Ein Meilenstein zwar, doch nicht nur ein positiver. «Plötzlich wurde nur noch über negative Aspekte der Sexualität gesprochen: Krankheit und Tod standen im Vordergrund», sagt die ehemalige Dozentin Dorothea Meili. «Von Liebe, Beziehungen und Kummer war keine Rede.» Sie beobachtete, dass es einige Lehrer gab, die der Aufgabe nicht gewachsen waren: «Der verklemmteste Chnuschti musste plötzlich über Sex sprechen, das kam nicht immer gut.»

Heute werden an der Pädagogischen Hochschule Zürich alle angehenden Sekundarlehrer auf ihre Aufgabe vorbereitet, während die Module für angehende Primarlehrerinnen freiwillig sind. Lukas Geiser ist dort als Dozent für Sexualpädagogik zuständig, früher war er für die Fachstelle «Lust und Frust» an Schulen unterwegs. An diesem Montag empfängt Geiser 15 junge Sekundarlehrerinnen und -lehrer zu einem Weiterbildungstag. Auf den Tisch entleert er einen «Grabbelsack» – einen Stoffbeutel, den er, je nach Thema und Alter der Schüler, mit Gegenständen füllt: Pillen, Kondome, Dildo, Nuggi, Rasierer, Deo, Binden, Tampons, Büchlein zum Kamasutra. Er legt die Dinger auf dem Tisch aus und verdeckt sie nach einer Minute wieder. Die Lehrer müssen auswendig aufsagen, was sie gesehen haben und darüber diskutieren, welche Gegenstände für welches Alter passen. «Solche Übungen regen das Gespräch über die Pubertät oder Sex und Verhütung an», sagt Geiser.

Für Junglehrer selbstverständlich
Heute gibt es in der Oberstufe kaum ein Thema, das nicht zur Sprache kommt. Die jungen Lehrer diskutieren darüber, wie sie mit den vielen Fragen umgehen sollen. «Die Schüler bringen mich zum Teil an die Grenze», sagt eine Junglehrerin. «Manchmal machen sie mich mit ihren homophoben Äusserungen auch wütend», sagt eine andere. «Sprecht Themen aktiv und direkt an, dann nehmt ihr ihnen den Wind aus den Segeln», rät Geiser.

Die Lehrer sind bei der Gestaltung ihres Unterrichts weitgehend auf sich gestellt, weil weder ein offizielles Lehrmittel existiert noch differenzierte Vorgaben im Lehrplan gemacht werden. Das soll sich mit dem Lehrplan 21 ändern (Kasten). Im Moment empfiehlt das Zürcher Volksschulamt unter anderem das umstrittene deutsche Lehrmittel «Sexualpädagogik der Vielfalt» als Hilfe. Erst kürzlich geriet es in die Schlagzeilen, weil sich in einer der darin beschriebenen Übungen die Schüler ein «Puff für alle» ausdenken sollen – ein Bordell, das die Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen befriedigt: Homosexuelle, Heterosexuelle, Behinderte. Laut der Zielsetzung sollen sich die Jugendlichen «mit Sexualitäten und deren Lusterfüllung» auseinandersetzen.

Weitere Lektionen thematisieren das Porno-Verständnis der Jugend, sexuelle Praktiken und das sexuelle Vokabular. «Wir bilden die Lehrerinnen und Lehrer so aus, dass sie wissen, welche Methoden in diesem Buch für ihre Schüler und überhaupt für die Schule angemessen sind und welche überhaupt nicht passen», sagt Geiser. Er hat das Lehrmittel «Erste Liebe» mitverfasst. Dieses besteht aus neun Videoporträts von Jugendlichen, die über ihre ersten sexuellen Erfahrungen sprechen. Die anschliessenden Lektionen befassen sich mit Flirten, dem ersten Mal, Schlussmachen, Liebeskummer, sexueller Vielfalt, Grenzen und Respekt.

Die Teilnehmer der Weiterbildung diskutieren weniger über einzelne Übungen als vielmehr über Grundsätzliches: Ist nun die Biologielehrerin oder der Deutschlehrer zuständig für das Thema? Soll man Sexualkunde in geschlechtergetrennten Gruppen unterrichten? Sind Prüfungen sinnvoll? Nur einmal erfährt Geiser heftigen Widerspruch: Als er rät, die Eltern früh und gründlich genug über den geplanten Sexualunterricht zu informieren. «Das braucht keine Absicherung, das ist Teil des Lehrplans. Punkt», sagt eine Lehrerin. «Damit wird dem Thema unnötig viel Gewicht verliehen», sagt ein Lehrer und ein weiterer: «So wird doch nur ein Hype um etwas gemacht, das eigentlich ganz selbstverständlich ist und zu unserem Lehrauftrag gehört.»

Väter sind abwesend
Es ist Dienstagabend. Die beiden Fachfrauen von Adebar haben ihren Arbeitstag in Sils Maria beendet und stehen nun auf der Bühne in der Aula des Schulhauses Grevas in St. Moritz.Rund 300 Mütter und Väter sind gekommen, um zu hören, was die beiden ihren Kindern in Zukunft erzählen wollen. Kürzlich haben die Schulen Pontresina, Samedan und St. Moritz entschieden, ebenfalls am Programm «Sexualpädagogik als Prävention» teilzunehmen. Nicht, weil etwas Schlimmes vorgefallen sei, wie der Schulleiter betont, sondern einfach, weil es an der Zeit sei. «Es ist uns wichtig, dass Sie wissen, was wir mit Ihren Kindern machen», sagt Siegrist zu den Anwesenden, vor allem Frauen. Fast zwei Stunden sprechen sie über Sex, Aufklärung, Liebe, Beziehungen und die Entwicklung der Kinder.

Interessant ist die von ihnen gezeigte Statistik, von wem die Kinder heute am häufigsten aufgeklärt werden. An erster Stelle steht die Schule. Fragt man die Kinder jedoch, von wem sie am liebsten aufgeklärt würden, kommen überraschende Antworten: Die Mädchen wünschen sich die Mutter als erste Ansprechperson. Bei den Buben liegt der Vater immerhin an dritter Stelle, noch vor der Mutter. In der Realität aber tragen die Väter kaum etwas zur Aufklärung ihrer Söhne bei. Am Ende des Abends wäre Zeit für Fragen oder Protest. Die Eltern im Saal bleiben ruhig, einige gehen an den Büchertisch und holen sich Inspiration fürs nächste Gespräch mit ihrem Kind.

* Alle Kindernamen geändert.


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